Wechelhafte Geschichte Der Durchfahrtsscheune - GMV_Vereinshomepage

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Geschichte der Durchfahrsscheune

Die "drei Leben" der Durchfahrtsscheune aus Otter

Vorbemerkung
Dass die Durchfahrtsscheune aus Otter erhalten blieb und dass sie nicht das Schicksal des Abbruchs ereilte wie die meisten alten Scheunen, verdanken wir unserem 2007 verstorbenen Vereinsmitglied, dem bekannten Hausforscher Dr. Ulrich Klages.

1. Die ursprüngliche Nutzung als Scheune oder das „erste Leben“
Die Scheune wurde um 1780 vom einem herrschaftlichen Kötner  in Otter erbaut. Zum Hof gehörten damals 5 Stücke Ackerland auf dem Holzfeld und eine Wiese von einem Fuder Heuwachs. Das war zu wenig, um auf dieser Grund-lage eine Familie zu ernähren. Aber es bestanden durchaus zusätzliche Verdienstmöglichkeiten, z.B. als Tagelöhner auf den größeren Höfen. Und der Kötner sah eine Chance. Er investierte in den Bau einer Mehrzweck-Scheune. Die offene Längsdurchfahrt erlaubte die Einfahrt vollbeladener Erntewagen, ferner die Nutzung als Remise oder zum Worfeln (Der Wind trennt die `Spreu vom Weizen`). Der Grundriss sah ursprünglich wie folgt aus (vgl. Abb. 1): Vom Hof aus gesehen hinten links befand sich hinter einer Flecht-wand der 3,5 x 6 m große Raum zum Einlagern des Heus, die Banse. Das Heu war für die Pferde bestimmt, die ihren Stall vorne im Wohnhaus hatten, wo alles nach Rauch roch. Aber dem Rauch ausgesetztes Futter vertragen Pferde nicht. Zwei Pferde wurden gehalten, genau so viele wie auf einem Vollhof. Welche wirtschaftlichen Perspektiven sich da eröffneten!
Der 3,0 x 3,5 m große Raum vor der Banse, die „Timmerkammer“, diente zum Aufbewahren von Werkzeug und Geräten wie dem Schleifstein, zum Erledigen von Schnitz- und Flechtarbeiten, zum Unterbringen von Honigpresse und Bienenkörben, von Spinnrad und Webstuhl und zum Lüften der Kleidung.
Über der „Timmerkammer“ befand sich im 1. Stock der Getreidespeicher, ein mit Dielen ausgelegter und von Brettern umgebener Schüttboden für das gedroschene Getreide. Er war nur über eine Leiter von außen her zu erreichen.
Auf der gegenüberliegenden Seite der Durchfahrt befand sich hinter einer Wand mit Lehmtafeln wohl ursprünglich der Schafstall.

2. Der Umbau zu einem Häuslingshaus oder das „zweite Leben“  
Es sollte sich schnell zeigen, dass die landwirtschaftlichen Perspektiven der Stelle letztlich begrenzt waren. Zwar gab es 1855 aus der Verkoppelungsmasse zusätzliches Land. Für einen Vollerwerbsbetrieb reichte es jedoch nicht. So wurde um 1885 das Land verkauft und der Hof zu einer Abbauerstelle zurückgestuft, so wie die Anwesen der Dorfhandwerker. Die Nutzung der Durchfahrtsscheune änderte sich (vgl. Ab. 2.2). Statt der Großtierhaltung erwies sich die Schweinehaltung als lukrativ. Deshalb wurde für die Schweinemast an der hohen Längsseite der Scheune zusätzlicher Stallraum gewonnen und die ehemalige Banse ebenfalls in Schweinebuchten umgewandelt. In die Timmerkammer zog ein Häusling ein, der „Schippenbur“. Der mündlichen Überlieferung nach war Schippenbur welfentreu und kam als Zugezogener nach Otter. Es folgten weitere Umbaumaßnahmen. Die Durchfahrt wurde durch äußere Mauern verschlossen und durch eine innere Wand unterteilt. Zum Hof hin entstand das „Flett“ mit offenem Herd und einem Bileggerofen in der angrenzenden Stube. Ein weiterer Wohnraum entstand neben der Stube. Der Kleintierhaltung dienten ferner ein Raum als Kälberstall sowie ein Hühnerstall. Die Nebeneinkünfte aus der Landwirtschaft waren willkommen, besonders für die Eigenversorgung. Sehr begehrt waren die Schinken und Mettwürste vom Schinkenhimmel. Im Hauptberuf war der letzte Bewohner Dachdecker. Nach dessen Tod blieb das Haus unbewohnt. Das Dach wurde undicht, der allmähliche Verfall des Gebäudes begann.
3. Der Rückbau des Häuslingshauses zur Museumsscheune im Museumsdorf Seppensen oder das „dritte Leben“ der Durchfahrtsscheune
Mit dem Abbruch des Häuslingshauses in Otter und dem Wiederaufbau des Gebäudes in den Jahren 2002 bis 2004als Durchfahrtsscheune neben den Sniers Hus begann das „dritte Leben“, wieder wie ursprünglich als Scheune,genauer als Museumsscheune Sie unterscheidet sich schon äußerlich vom ursprünglichen Bau: ein Pfannendachstatt des Strohdachs, ausgemauerte Gefache statt ursprünglicher Lehmtafeln und Gattertore, die die Durchfahrt versperren. Im Innern fehlen zur Zeit noch der Getreideschüttboden, die Flechtwand vor der Banse und die Lehmwand vor dem ehemaligen Tiefstall. Ende des Jahres 2014 wurde ein Geräteschuppen (rechts) an die Duchfahrtsscheune angebaut

4. Die Durchfahrtsscheune als Baudenkmal
Die Durchfahrtsscheune zeichnet nicht nur eine bewegte Geschichte aus. Auch zimmereitechnisch bietet sie eine erstaunliche Vielfalt. Drei Reihen von Ständern, eine an der hohen Außenwand und je eine beiderseits der Durchfahrt tragen die gesamte Konstruktion (Dreiständer-Scheune). Kopfbänder zu den oberen und Fußbänder zu den unteren Längsbalken garantieren die Standsicherheit der Scheune. Die Deckenbalken beiderseits der Durchfahrt liegen auf den Längsbalken, dem Rähm (Unterrähm-Konstruktion). An der hohen Außenwand liegt der Längsbalken jedoch auf den Dielenbalken (Oberrähm-Konstruktion).
 Abb1 Rekonstruktion        (Grundriss)
          
Abb. 2 Wohnstallhau  (Grundriss Blick von der Hofseite)                                                  
Quelle: Dr. Ulrich Klages im Buchholzer Jahrbuch 4, 1987, S. 160ff

 
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